Wir verstehen uns als Arbeiter an der digitalen Öffentlichkeit. Doch was bedeutet das genau? Frank und frei: Wir wissen es selbst nicht so genau. Das macht unsere Arbeit umso spannender. Wie Kolumbus entdecken wir zusammen mit unseren Kunden und Partnern einen neuen Kontinenten – die digitale Öffentlichkeit. Dabei stellen wir uns Fragen: Was treibt unsere Reise an? Wie sieht der neue Ort aus? Was für Menschen leben da? Gelten andere Sitten? Wie verändert diese Entdeckung unser Leben? Wichtig als Kapitän ist: Vorausschauen und immer wieder über diese Fragen nachdenken.

Das Web 2.0 hat zur Herausbildung einer digitalen Öffentlichkeit geführt. Um die gesamte Tragweite dieser Entwicklung zu verstehen, wollen wir kurz und kritisch den Begriff der Öffentlichkeit beleuchten. Ideengeschichtlich reicht das Konzept der Öffentlichkeit bzw. der Privatheit bis in die Antike zurück. Zu dieser Zeit umfasste Privatheit die eintönige und mühselige Arbeit in der Landwirtschaft und im Haushalt. Während Sklaven, Frauen und Kinder in dieser Sphäre arbeiteten und lebten, stritten die freien Herrn in der Öffentlichkeit, auf der Agora, über das Wahre, Richtige, Gute und Schöne. Die Tätigkeit in der Öffentlichkeit war mit Macht, Einfluss und Ansehen verbunden. Es galt der Primat des Öffentlichen über das Private. Mit dem Aufkommen des europäischen Liberalismus im 18. und 19. Jahrhundert veränderten sich Rang und Wert der privaten und öffentlichen Sphäre. Der Einfluss der Öffentlichkeit sollte zugunsten der Privatheit eingeschränkt werden. Öffentliches Handeln sollte dem privaten Streben nach Glück dienen. Damals verstanden sich die Gelehrten als Aufklärer des Publikums. Sie stritten sich in öffentlichen Debatten, Büchern und Zeitschriften über das Wahre, Richtige, Gute und Schöne. Die aufgeklärte Öffentlichkeit stellte gemäss ihren Idealen eine kommunikative Sphäre der freien Meinungsäusserung, der Kritik und der politischen Meinungs- und Willensbildung dar. Das gemeine Volk, des Lesens und Schreibens oft noch unkundig, war von diesen Diskursen jedoch ausgeschlossen. Mit dem Aufkommen der Zeitung beruhte die Herstellung von Öffentlichkeit erstmals auf einem Massenmedium. Gatekeeping und Agenda-Setting wurden zu wichtigen Funktionen der Massenmedien. Sie entschieden darüber, welche Themen in welcher Reihenfolge in der massenmedial hergestellten Öffentlichkeit auftauchten. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts schliesslich setzte die Kommerzialisierung der Öffentlichkeit ein. Information, Wissen und Unterhaltung wurden zusehends nach dem Kriterium der Vermarktbarkeit gefiltert. Es gilt seither der Primat der Privatheit über die Öffentlichkeit. Konsum und Freizeit verdrängen die kritische Auseinandersetzung über das Wahre, Richtige, Gute und Schöne an die Peripherie der massenmedial hergestellten Öffentlichkeit. Das 21. Jahrhundert nun hat mit dem Web 2.0 die digitale Öffentlichkeit hervorgebracht. Was bedeutet das mit Blick auf Medien, Öffentlichkeit und Publikum?

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Als Medium der Massenselbstkommunikation hat das Web 2.0 die Trennung zwischen Produzent und Konsument aufgelöst. Die Konsumenten waren nie Teil ihrer Zeitung, ihres Radios oder ihres Fernsehens; aber sie sind Teil des Web 2.0.[1] Sie stellen ihr Programm selbst zusammen und erstellen selbst neue Inhalte. Der passive Konsument wird so zum aktiven Prosument. Das Web 2.0 ist deshalb ein «lean-forward», und nicht ein «lean-back» Medium.[2] Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung relativiert sich das Gatekeeping und Agenda-Setting der klassischen Massenmedien zusehends. Die Herstellung der digitalen Öffentlichkeit obliegt nicht länger ausschliesslich einem Medienoligopol, sondern auch der Vielzahl der Nutzer des Web 2.0.

Da sich die digitale Öffentlichkeit aus unzähligen Medien, Plattformen und Kanälen zusammensetzt, müsste eigentlich von vielen Teilöffentlichkeiten die Rede sein. Sie bilden sich aus interessenorientierten Kommunikationsinseln. Dennoch ergeben sie in ihrer Gesamtheit eine öffentliche Sphäre, die prinzipiell allen zugänglich ist, in die sich alle einbringen und auf Augenhöhe mitreden und konstruktive Auseinandersetzungen pflegen können. Damit nähert sich die digitale Öffentlichkeit dem oben beschriebenen Ideal der aufgeklärten Öffentlichkeit. Diese optimistische Einschätzung muss sich allerdings gegen zwei kräftige Einwände behaupten: Einerseits erklärt Jürgen Habermas, dass die digitale Öffentlichkeit das «gleichzeitig auf gleiche Fragestellungen zentrierte Massenpublikum» fragmentiere.[3] Die Bildung eines Gemeinsinns und der konstruktive Diskurs über das Zusammenleben in der Gesellschaft erscheinen so schier unmöglich geworden zu sein. Damit geht eine wichtige Funktion der aufgeklärten Öffentlichkeit verloren. Andererseits hat nach Tina Piazzi und Stefan M. Seydel die Herausbildung der digitalen Öffentlichkeit zur Löschung althergebrachter Denkkategorien geführt. Dazu gehört auch die Unterscheidung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit.[4] Gerade mit Blick auf die mobilen Kommunikationsgeräte von heute dringt das Öffentliche immer mehr ins Private und all die Social-Media-Plattformen transportieren immer mehr Privates in die Öffentlichkeit. Wie sind also Öffentlichkeit und Privatheit unter der Bedingung des Web 2.0 zu verstehen? Da wir uns mitten in einem spannenden Medienwandel befinden, bleibt diese Frage vorerst unbeantwortet. Wir erahnen höchstens, was diese Entwicklungen für die Arbeit an der digitalen Öffentlichkeit bedeuten kann.

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Wir sind das Web 2.0. Wir gestalten es als Konsumenten, Bürger, Angestellte, Selbständige, Unternehmen, Väter, Mütter und Kinder. In all diesen Rollen bestimmen wir die Art und Weise, wie das Medium genutzt wird und wie es sich weiterentwickeln soll. Wir betreiben Gatekeeping und Agenda-Setting auf all den kleineren und grösseren Kommunikationsinseln, mit denen wir vernetzt sind. Wir alle sind Arbeiterinnen und Arbeiter an der digitalen Öffentlichkeit. Deshalb tragen wir am Ende des Tages auch die Verantwortung für die Kultur und die Normen, die in der digitalen Öffentlichkeit vorherrschen. «Wer keine Politik macht, mit dem wird sie gemacht», besagt ein Sprichwort. Dies gilt auch für die digitale Öffentlichkeit, und zwar für Privatpersonen genauso wie für Profit- und Non-Profit-Organisationen. Noch nie hatten so viele Menschen, Organisationen und Unternehmen direkten Zugriff zu einem Massenmedium und konnten unvermittelt miteinander kommunizieren und sich vernetzen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen bestehen reelle Chancen dafür, neue Formen der Zusammenarbeit zu etablieren, Offenheit und Transparenz wirklich zu praktizieren, Erfahrungen und Wissen vorbehaltlos zu teilen und: als Mensch, Organisation und Unternehmen wahrhaftig und integer zu sein. Die digitale Öffentlichkeit fördert und fordert solche Verhaltensweisen.[5] Sie ist die Bedingung der Möglichkeit zur Optimierung des sozialen Nutzens. Denn in einer Welt, in der alle und alles miteinander vernetzt sind, gibt es keine isolierte Handlungen und Ereignisse mehr. Jede Handlung zeigt Auswirkungen auf die komplexen Systeme von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.


[1] Stefan Münker: Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0. Suhrkamp. 2009.
[3] Jürgen Habermas: Ach, Europa. Suhrkamp. 2008.
[4] Tina Piazzi und Stefan M. Seydel: Die Form der Unruhe. Band 2. Junius. 2010.
[5] Don Tapscott und Anthony D. Williams: Macrowikinomics. New Solutions for a Connected Planet. Portfolio / Penguin. 2012.

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